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Veranstaltungen

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Di, 19.09.2017 | 14:00 | Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, Atelierhaus, Heiligendammer Straße 15, 24106 Kiel

Teilhabe 4.0! Koproduktion von digitalen Produkten mit Menschen mit Behinderungen

Workshop im Rahmen der Konferenz „Region Digital – für Alle“

Digitale Produkte und Services wie Fahrkartenautomaten oder Online-Einkäufe prägen mehr und mehr unseren Alltag. Digitale Innovationen können neue Hilfsmittel kreieren, die Vielen zugutekommen. Zugleich droht eine digitale Spaltung, wenn Bevölkerungsgruppen mit den Entwicklungen nicht Schritt halten können.

In diesem Workshop, durchgeführt vom Institut für Inklusive Bildung in Kooperation mit der Heinrich Böll-Stiftung Schleswig-Holstein und der TransFair GmbH, haben wir digitale Produkte und Dienstleistungen mit Akteuren aus den Bereichen Wirtschaft und Hochschulen gezielt aus der Perspektive von Menschen mit Behinderungen betrachtet und entwickelt. Die Grundfrage lautete: Wie können Menschen mit Behinderungen ihre Sichtweisen und Kompetenzen pro-aktiv einbringen und damit dazu beitragen, dass digitale Dienstleistungen von vornherein jedem zugänglich sind?

Der Schwerpunkt unserer Veranstaltung lag somit auf der digitalen Produktentwicklung in Koproduktion mit den Nutzenden. Mit Methoden des „Design Thinking“ arbeiteten wir an Produkten aus den Bereichen Handel, Mobilität, Tourismus und Finanzen. Akteure aus Wirtschaftsunternehmen, dem Bereich Design, den Hochschulen, Bildungsfachkräfte des Instituts für Inklusive Bildung, schwerbehinderte Mitarbeitende der TransFair GmbH und interessierte Teilnehmende entwickelten anhand konkreter Anwendungsbeispiele prozesshaft, wie sich digitale Produkte und Dienstleistungen für alle gestalten lassen.

 

Zu den einzelnen Workshops

Es fanden vier parallele Workshops zu den folgenden Themenbereichen statt:

  • Digitaler Zahlungs- und Datenverkehr
  • Online-Shopping
  • barrierefreier Tourismus sowie
  • Mobilität und neue Technologien.

Vertreten waren jeweils Akteure aus Wirtschaftsunternehmen sowie aus dem Bereich (Web-)Design, Vertreter/-innen der Hochschulen, Bildungsfachkräfte des Instituts für Inklusive Bildung, schwerbehinderte Mitarbeitende der TransFair GmbH und interessierte externe Teilnehmende.

Die Workshops waren nach dem folgenden Prinzip aufgebaut: Nach einer Kennenlern- und Aufbauphase wurde in einem Brainstorming die jeweiligen Anforderungen und Fallstricke herausgearbeitet, die bei der jeweiligen Fragestellung aus Sicht von Menschen mit Behinderungen beachtet werden müssen. In einem zweiten Teil nahmen die Teilnehmenden die Umsetzungsebene in den Blick und trugen anhand von konkreten Beispielen bzw. in die Zukunft gedachten Produktentwicklungen zusammen, wie digitale Barrierefreiheit in dem jeweiligen Bereich gewährleistet werden kann.

 

Workshop 1 : Digitaler Zahlungs- und Datenverkehr -  Bereich Finanzen

Moderation und Bericht: Dorothea Keudel-Kaiser, Stiftung Drachensee

In diesem Workshop wurde der folgenden Frage nachgegangen:

Wie kann der digitale Zahlungs- und Datenverkehr so gestaltet werden, dass er für alle Kund*innen hürdenlos nutzbar ist, ohne dass Persönlichkeitsrechte verletzt werden?

Neben den oben aufgeführten Vertreter*innen der verschiedenen Perspektiven war als Experte für das Fachgebiet Digitaler Zahlungsverkehr ein Vertreter der Förde Sparkasse, verantwortlich für Digitale Medien, anwesend.

Als Kernpunkte arbeiteten die Teilnehmenden die Notwendigkeit (1) eines leichteren Zugangs zum digitalen Zahlungsverkehr durch neue Möglichkeiten der Identifizierung und (2) einer intuitiver zugänglichen Benutzeroberfläche, die die Anwendung von Funktionen erleichtert. Als Fallstricke wurde auf erhebliche Sicherungsanforderungen und Schwierigkeiten bei der Durchsetzung des Datenschutzes verwiesen.

Im Bereich Zugang (1) kristallisierte sich heraus, dass eine Mischung verschiedener digitaler Elemente den Zugang erleichtern und dabei Datensicherheit gewährleisten könnte, zum Beispiel in der kombinierten Form einer Identifizierung über Sprach- und Gesichtserkennung und dem Einsatz einer Karte, die die Identifizierung des Kunden über eine wireless-Datenverbindung ermöglicht. Im Bereich der Anwendung (2), z.B. Geldautomat oder online-Überweisung, kamen die Teilnehmenden zu dem Ergebnis, das individuell wähl- und einstellbare Assistenzen, etwa in Form von Apps, entwickelt werden sollten, die ganz verschiedenen Anforderungen und Bedürfnissen gerecht werden: zum Beispiel sprachliche Kommunikation  (Leichte Sprache!), Gebärdensprach-Videos, Schrift. Deutlich wurde, dass sowohl verschiedene digitale als auch weiterhin analoge Zugangswege möglich sein müssen. Die Teilnehmenden waren sich darin einig, dass es notwendig sei, sich gedanklich von dem bisher schon Existierenden zu lösen, kreativ und neu zu denken, und zwar ausgehend von Personen und Bedürfnissen, nicht von technischen Möglichkeiten.

 

 

Workshop 2: Barrierefreies Online-Shopping

Moderation und Bericht: Merle Knop, Institut für Inklusive Bildung

In diesem Workshop wurde der folgenden Frage nachgegangen:

Wie kann Online-Shopping so gestaltet werden, dass es für alle Kund*innen hürdenlos nutzbar ist? Wie muss dafür der Ablauf gestaltet sein, von der Produktsuche zur Produktauswahl und –bestellung über die Abwicklung der Bezahlung bis zur Bestätigung des Kaufs, der Auslieferung der Ware und den Widerrufsrechten?

Neben den oben aufgeführten Vertreter*innen der verschiedenen Perspektiven waren als Praxis-Expertinnen aus der Wirtschaft für den Bereich online-Shopping zwei Vertreterinnen von Chef Culinar, zugehörig der Citti-Gruppe, anwesend. 

Als Kernpunkte beim Online-Shopping aus der Perspektive von Menschen mit Behinderungen verwiesen die Teilnehmenden unter anderem auf eine detaillierte und für jeden verständliche Produktdarstellung in Verbindung mit einer verständlichen Kostendarstellung, leichtere Wege der Dateneingabe und Vermeidung von komplizierten Bestell- und Bezahlungsabläufen.

Entlang dieser Überlegungen entwickelten die Teilnehmenden eine Möglichkeit, wie Menschen mit individuellen Bedürfnissen auf einen Online-Shop zugreifen können, der ihre speziellen Wünsche und Bedürfnisse befriedigt. Dies, so die Idee, kann mithilfe einer Online-Identität erfolgen, in der die Nutzer*innen ein persönliches Profil erstellen. Diese Online-Identität ist mit dem Browser verknüpft. Auf diese Weise werden die Webseiten automatisch an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst. Die Bezahlmöglichkeit und die Versandoption sind individuell einstellbar. Produkte, die retourniert werden sollen, werden bei Bedarf direkt Zuhause wieder abgeholt.

 

 

Workshop 3: Barrierefreier Tourismus

Moderation und Bericht: Gesa Kobs, Stiftung Drachensee

In diesem Workshop wurde der folgenden Frage nachgegangen: 

Wie kann eine barrierefreie Urlaubsbuchung von der Suche bis zum Reiseantritt erfolgen?

Neben den oben aufgeführten Vertreter*innen der verschiedenen Perspektiven war als Praxis-Experte für den Bereich Tourismus ein Vertreter der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein, TA.SH, anwesend. 

Im ersten Schritt sammelten die Teilnehmenden die Anforderungen an eine barrierefreie Urlaubsbuchung. Es wurde deutlich, dass eine barrierefreie Urlaubsbuchung eine enorme Informationstiefe erfordert, um den spezifischen und vielfältigen Anforderungen und Bedarfen von Menschen mit Behinderungen gerecht zu werden. Dies gilt etwa für Hotelausstattungen, die detailliert erklärt und alle übersichtlich abrufbar sein müssen. Eine weitere Herausforderung liegt in der Vielfalt an Leistungsträgern und Aspekten, die einzubeziehen sind, von Beherbergungs- über Gastronomiebetrieben bis zu Mobilitätsdienstleistern und digitalen Zahlungsvorgängen bei der Buchung.  

Unter Berücksichtigung der gemeinsam erarbeiteten Anforderung und Probleme erarbeiteten die Teilnehmer*innen die Idee eines „Digitalen Reisebüro“, bei dem die Vorteile einer umfänglichen Beratung eines „analogen Reisebüros“ digital adaptiert werden sollen. Dieses „Digitale Reisebüro“ fungiert als barrierefreier Buchungsbegleiter, unter anderem mittels Leichter Sprache und Sprach- und Vorlesefunktionen. Die Idee: Die gewünschten Informationen werden zunächst digital als „Chatbot System“ durch einen Algorithmus bereitgestellt. Dort, wo der Algorithmus an seine Grenzen kommt und spezifische Informationen nicht liefern kann, wird auf eine natürliche Person zurückgegriffen. Diese kommuniziert, je nach Bedarf, in Leichter Sprache, über eine Chatfunktion, über Video, etc. mit den Kund*innen.

 

Workshop 4: Mobilität und neue Technologien

Moderation und Bericht: Hannah Schroeder, Institut für Inklusive Bildung

In diesem Workshop wurde der folgenden Frage nachgegangen:

Welche Möglichkeiten und Hindernisse liegen in der autonomen Mobilität für Menschen mit Behinderungen? Wie können Menschen mit Behinderung im Zeitalter der Digitalisierung von A nach B kommen (Individualverkehr und Verbundsystem)?

Neben den oben aufgeführten Vertreter/-innen der verschiedenen Perspektiven war als Praxis-Expertin für den Bereich Mobilität eine Vertreterin von Nahverkehrsverbund Schleswig-Holstein (nah.sh). 

Bei der Sammlung von Anforderungen und Fallstricken im Bereich barrierefreie Mobilität stellten die Teilnehmenden heraus, dass (barrierefreie) Mobilität zumeist gar nicht mit digitalen Möglichkeiten zusammengedacht werde. Sie arbeiteten heraus, dass bauliche Maßnahmen und die Sensibilisierung der Gesellschaft die Grundvoraussetzung seien, um eine barrierefreie Mobilität gewährleisten zu können.

Die Teilnehmenden nahmen als Beispiel für barrierefreie Mobilität die Entwicklung eines barrierefreien digitalen Fahrkartensystems in den Blick. Dieses, so die Idee, soll mit eigens entwickelten Checkkarten funktionieren. Auf diese lassen sich Bedarfe und Ausprägungen von Behinderungen speichern, so dass nach dem Einlesen der Karte eventuell benötigte Assistenzen für die Kartenbuchung zur Verfügung stehen. Zusätzlich solle es sogenannte „Service-Stationen“ geben, die das System erläutern und bei weiteren Fragen zur Verfügung stehen. Über einen Bildschirm steht die Kommunikation und Hilfeleistung durch eine Person zur Verfügung. Durch die Übertragung von Bild und Ton ist auch eine Kommunikation für und mit Gehörlosen oder sehbeeinträchtigten Menschen möglich. Das Fazit der Teilnehmenden: Mobilität und Digitalisierung müssen zwingend über den Weg der Kommunikation verbunden werden, um auf individuelle Bedürfnisse eingehen und Barrierefreiheit gewährleisten zu können.  

 

Lesen Sie außerdem hier einen kurzen Artikel des Unternehmens-Netzwerks Inklusion.

 

 

 

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